www.taz.de 28 MITTWOCH, 10. JUNI 2009 DIE TAGESZEITUNG plan@taz.de TAZ PLAN
Objekte und Gefühle REIBUNG Auf die Sprache der Dinge ist Aitana Cordero nicht ganz freiwillig gestoßen. Doch nun erzählt die Tänzerin damit virtuos auf dem Festival „In Transit“, das am 11. Juni im Haus der Kulturen der Welt eröffnet VON ASTRID HACKEL ausgestellten Dinge. Im Sinne von kill your darlings bringt Cor-Wie sähe eine Liste mit den Na¬ dero Chaos in ihre Installation men derjenigen aus, die wir gern und lässt sich davon zu einer geküsst hätten? Eine Liste der neuen Anordnung inspirieren. Sehnsüchte, die wir unterdrückt Ihr unterwirft sie sich nicht, be¬haben? Eine Aufstellung der Plät¬ gehrt auch nicht länger gegen sie ze, an denen wir uns umbringen auf. Im Gegenteil: Dem selbst ge¬könnten, aus Rache an dem, der schaffenen Konglomerat nähert uns verlassen hat? sich Cordero behutsam und be-Listen sind dazu da, sich und ginnt es auf allen vieren zu sein Leben in Krisenzeiten neu durchqueren. Das ist nicht ein¬zu sortieren, oft verbunden mit fach, denn die Gegenstände ge¬dem Vorsatz, beim nächsten Mal horchen einem physikalischen alles besser zu machen. Mit der Gesetz – wo ein Körper ist, kann Projektion solcher Listen auf die kein zweiter sein. Bühnenrückwand beginnt Aita¬na Corderos Tanzstück „Solo…?“. Der verfügbare Körper Zusammen mit ihren „The 3 Du- Auf ganz andere Weise verhan¬ets“ ist es beim Festival In Transit delt Cordero die Konfrontation im Haus der Kulturen der Welt zu von Subjekt und Objekt in „The 3 sehen, das 2009 unter dem Mot- Duets“. Hier befindet sich der to „Widerstand des Objekts“ Körper selbst in transit – im steht. Obwohl der eigentliche In- Grenzgebiet zwischen Subjekt¬halt der Listen verborgen bleibt, und Objekthaftigkeit. Drei Tän¬verraten sie erstaunlich viel über zerInnen bewegen Corderos re-die Ängste und Leidenschaften gungslosen Körper erst gemein¬der Autorin. Gleichzeitig begin-gen, die schon im Titel unmiss-melten legt sie auf ganz be-sam, dann jeder für sich, reichen In Transit nen die Zuschauer, im Stillen ih- verständliche Statements wie „I stimmte Objekte Wert: Laptops ihn weiter, tragen, rollen, schlei¬re eigenen Listen zu machen. „Widerstand des Objekts“ ist das Would Like To Be Your Main zum Beispiel, Sinnbild für virtu-fen, schütteln und zerren an ihm, Nach diesem Prolog bleibt die Festival In Transit 09 überschrie-Choice“ oder „Sex Me Not“ ent-elle Kommunikation, gleichzei-behandeln ihn hektisch-grob, Bühne leer, bis die zierliche Tän-ben, das an der Schwelle von Tanz halten. So gesehen ist „Solo…?“ tig für soziale Isolation. In „So-dann wieder hingebungsvoll¬zerin mit einem gewöhnlichen und Theater, Body-Art und bilden-weniger Einlösung als Infrage-lo…?“ werden sie plötzlich de-zärtlich. In stark stilisierter Form Kabel in der Hand hereinkommt. der Kunst agiert. Neben Partys, stellen eines Versprechens. Was moliert. Der überraschende Ge-zeigen die vier kurzen Studien ei-Sie konzentriert sich darauf, die Künstlergesprächen und einer in-heißt es, allein auf der Bühne zu waltausbruch währt nur einen ne Spannbreite des zwischen¬weiße Schnur der Länge nach teraktiven Bibliothek ist die Lectu-sein? Verstärken oder schwächen kurzen Moment, verfehlt seine menschlichen, das heißt hier auszulegen, als folge sie einem re-Reihe fester Bestandteil des Fes-die Objekte die Präsenz der Tän-Wirkung aber nicht: Nach dem physischen Umgangs miteinan¬geheimen Plan. Dann verlässt sie tivals. Eröffnet wird die siebte Aus-zerin? beruhigenden Auf und Ab der der. Die Strukturen dieser Kör¬die Bühne und kommt mit ei-gabe des Festival Transit am 11. 6. Tänzerin schreckt die Zerstörung perkommunikation legt Cordero Laptop demoliert nem zweiten Kabel zurück. Stän-mit einer Party und der erstmalig von Monitoren und Laptops das frei, indem sie einen scheinbar dig in Bewegung, häuft sie an, in Berlin zu sehenden Butoh-Tanz-Corderos jüngste Produktion ist Publikum auf. bedingungslos verfügbaren Kör¬was sich auf der Hinterbühne des kompagnie Sankai Juku im Haus in gewisser Hinsicht Ergebnis ei-Cordero möchte ihre Perfor-per schafft, mit dem jeder ma-Theaters angesammelt hat: ver-der Kulturen der Welt. Aitana Cor-nes Scheiterns. Das schmerzli-mance jedoch keinesfalls als äs-chen kann, was er will. staubte Lautsprecher und Moni-dero zeigt am 14. Juni, 16 Uhr, „So-che Ende einer Beziehung gerade thetisierte Destruktionsfantasie Doch der Eindruck täuscht: In tore, defekte Laptops, Plastikei-lo…?“,am17.+18.Juni„TheDuet“ hinter sich, das des Studiums oder plakative Entlarvung der di-seiner individuellen Materialität mer, billige Stühle, Wäscheklam-um 21.30 Uhr. Tickets und Infos un-schon in Aussicht, begab sich gitalen Boheme verstanden wis-und Trägheit leistet der Körper mern. Wie bei einer Installation ter 030-39 78 71 75 oder Cordero auf die Suche nach neu-sen. Vielmehr geht es um die Widerstand. Ständig muss die Be¬erstellt sie aus diesen objets trou-www.hkw.de. Vorverkauf: HKW, en Ausdrucksformen. Hatte sie durchaus wörtlich zu nehmende ziehung zwischen ihm und den vés ein Kunstwerk und nährt mit Mo.–So. 10–19 Uhr sowie an den bis dahin nur in größeren Forma-Objektivierbarkeit von Leiden-anderen neu ausgehandelt wer¬jeder neuen Anschaffung die Un-bekannten Vorverkaufsstellen, tionen gearbeitet, reizte sie das schaften und Gefühlen, wie sie den. Selbst wenn beide Bedeu¬ruhe derjenigen Zuschauer, die Eintritt zwischen 3 und 15 Euro Format des Solos. Doch wie von sich in der intensiven Gefühls-tungen des englischen body mit¬sich noch immer ein klassisches selbst begann sie dann, sich mit entladung besonders eindrucks-schwingen, wird er in den drei Tanzsolo erhoffen. Objekten zu umgeben, als gelte voll vollzieht. Duetten ausdrücklich nicht als Doch Erwartungen zu erfül-es, ihre Einsamkeit zu kompen-Dass man ein Gegenüber leblos-fremdbestimmt gezeigt. len, ist Corderos Sache nicht. Lie-sieren. braucht – egal ob menschlicher Dafür sorgen die Pausen zwi¬ber nimmt die in Madrid aufge-Inzwischen ist „Solo…?“ weit oder gegenständlicher Natur – schen den Parts, in denen Corde¬wachsene, in Amsterdam leben-mehr als die künstlerische Aufar-auf dieser einfachen Aussage ro aufsteht und den verrutschten de Tänzerin und Choreografin beitung einer persönlichen Kri-gründet „Solo…?“. Das geht Pulli zurechtzieht, als wäre sie zum Anlass für Untersuchun-se. Jenseits des zufällig Angesam-zwangsläufig an die Substanz der nichts geschehen. Ankunft im Berliner Probenraum: Aitana Cordero und zwei ihrer Tänzer aus „The Duet“ FOTO: MIGUEL LOPES